Wie die Zeit vergeht – ein paar Fragen mehr an Andrea Weller

Ende Mai fanden die GLÜCK.Tage in Kufstein statt. Das Gesundheitsressort DAS SIEBEN hatte Andrea Weller als Referentin dazu eingeladen das GLÜCK in Impulsvorträgen, Meditationen und Yogastunden für Gäste anzubieten. Sie ist Expertin für Stressmanagement und Burnout-Prävention … auf den ersten Blick klingt das wie Faust auf Auge. Vor gut einem Jahr beantwortete Andrea Weller meine 5 ½ Fragen. Höchste Zeit, um sie aus diesem Anlass ein weiteres Mal zu interviewen. Viel Spaß beim Lesen!

1. Was hat Glück mit Stressmanagement zu tun?

Glück wird oft mit den Worten beschrieben: ‚Ich fühle mich ganz, rund. Ich bin EINS mit mir. Ich spüre eine tiefe Zufriedenheit.‘ Glück ist individuell und wenn wir es nicht dem Zufall überlassen möchten, sondern wir uns bewusst dafür entscheiden, glücklich zu leben und zu sein, müssen wir bewusst etwas dafür tun. Wir handeln selbstbestimmt, haben ein Ziel vor Augen, erforschen Wege und Methoden, die uns unterstützen, Glücksmomente in den Alltag zu holen.

Glücksmomente sind ein sehr kraftvolles Anti-Stress-Instrument.

2. Glücksmomente im stressigen Alltag klingt wieder sehr widersprüchlich?

Stimmt. Unser Tag ist sehr dicht getaktet, die Stunden scheinen nicht auszureichen, um die gestellten Aufgaben und gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Jede Minute ist verplant, die freie knappe Zeit wird genutzt, um schnell noch Emails zu schreiben, Posts zu checken und auf dem Laufenden zu bleiben. Der Fokus, das Tempo des Tages zu halten und mitzuhalten, bringt uns ins Reagieren. Wir fühlen uns fremdbestimmt von der Zeit, im Job, im Privatleben.

Das Tempo der Zeit, die digitale Arbeitswelt und die Anpassungen der Unternehmenswelt können wir nicht beeinflussen. Doch wir können lernen damit umzugehen.

Es braucht mehr als ein ‚Pflaster‘, um die Anzeichen von Erschöpfung und Überlastung zu bearbeiten. Nachhaltige persönliche Tankstellen und Energiequellen können unterstützen, dem Tempo, den Ansprüchen gerecht zu werden. Sie sind ein erster Schritt in die Selbstführung.

Glücksmomente sehen, spüren und fühlen wir, wenn wir uns zurücklehnen, die Augen öffnen, den Kopf ausschalten und loslassen. Die Bereitschaft dafür ist planbar, organisierbar. Die Momente beruhigen, entschleunigen, tanken auf, schaffen Distanz und bringen uns ein Stück näher an unsere Selbstbestimmung. Selbstbestimmung, Bewusstsein, Selbstführung sind für mich die Basis für aktives und präventives Stressmanagement und für Glück.

 3. Ist GLÜCK wirklich planbar? Es klingt so nüchtern, es klingt danach, einen weiteren To-Do-Punkte auf die schon übervolle Alltagliste zu setzen.

GLÜCK ist eine Entscheidung. Die Symptome des Glücks sind positive Gefühle wie Begeisterung, Spaß, Freude, Lust, Fröhlichkeit, Lebensqualität, Wohlbefinden, Wellbeing. Und dafür können wir für uns sorgen. Und zwar auf allen Bewusstseinsebenen – Körper, Geist und Seele.

Körperlich unterstützt uns gesunde und energiereiche Nahrung, Bewegung und Entspannung. Eine bewusste Atmung z. B. entspannt nicht nur den Körper und beruhigt die Gedanken, sie hat auch die Kraft, die Produktion von Stresshormonen, die Aggressivität, Schuldgefühle, schlechte Laune, Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit, innere Leere mit sich führen, zu unterbrechen. Die ‚Glückshormone‘ werden unterstützt, wieder zu produzieren. Die Symptome des Glücks bekommen Raum im hektischen Alltag.

Mental gesund zu sein bedeutet die eigene Kraft zu spüren, die eigenen Bedürfnisse und Werte zu kennen und sie in ihrer inneren Fülle zu leben. Konkret meine ich damit: Gefühle wie Wut, Ärger, Frust bringen uns in Reaktionen, die wir nicht mehr steuern können. Wir nehmen dies wahr, nehmen auch die Folgen, die uns vertraut sind, in Kauf. Nach Innen verteidigen und schützen wir uns. Wie oft entschuldigen wir das unkontrolliert Reagieren mit ‚ich konnte nicht anders‘. Nach Außen verhalten wir uns verletzend, aggressiv und sehr destruktiv. Wir nehmen bewusst in Kauf, eine Beziehung negativ zu verändern. Der Stress, die automatischen Reaktionen wieder einzufangen, zieht uns weitere Energie ab, lässt uns nicht schlafen, beschäftigt die Gedanken so lange, bis der Konflikt im Innen und Außen geklärt ist.

Die Selbstführung, also eine bewusste Entscheidung für das Reagieren zu übernehmen und nicht den Gefühlen das Handeln zu überlassen ist, ist aktives Anti-Stress-Management. Die begleitenden Symptome sorgen dafür, aufzutanken, mit dem energieraumenden Stress bewusster umzugehen.

4. Hast Du einen konkreten Tipp für uns?

Atmen … bewusst, tief, konzentriert, achtsam. Dies kann in der Mittagspause auf einer Parkbank sein. In unserer Location MEIN ARBEITSTRAUM bietet sich der Rosengarten an. Achtsamkeit und eine tiefe Atmung haben das Potenzial Stresshormone zu reduzieren.

Die Übung kann ein erster Schritt sein, sich zu entschleunigen, Kraft zu tanken und sich bewusst zu werden, mit den gesteckten Erwartungen umzugehen.

Es könnte auch ein Foto sein, dass im Glücksmoment entstanden ist. Das Bild, in das Blickfeld im Alltag platziert, ruft die Erinnerungen an den Glücksmoment wach. Mental sich für einige Sekunden an den Ort zu beamen, entschleunigt und schafft einen weiteren Blick auf die To-Do-Liste. Ein Prioritätensetzen ist leichter möglich.

 5. Dein Ansatz liegt also bei uns selbst, Stress auszuschalten? Doch wenn der Stress in der Struktur liegt, aus meiner Firma kommt, geht das nicht. Ich kann meinem Chef nicht sagen, ich möchte die Aufgabe nicht erledigen.

Mein Ansatz ist, die Eigenverantwortung zu übernehmen, sich bewusst zu werden, wie mit dem Tempo des digitalen Alltags gut umgegangen werden kann. Vielleicht braucht es eine Planung, eine kleine Justierung, um die notwendigen Tankstellen zu integrieren. Vielleicht braucht es auch eine kraftvollere Entscheidung, Rahmenbedingungen wie Arbeitsumfeld, Aufgabenstellung etc. zu korrigieren.

Es dreht sich um unsere Gesundheit, denn wir wissen oder haben es selbst erlebt, Stress macht krank. Die neuesten Studien zum Thema Glück belegen, dass Glück gesund erhält und das Leben bis zu 20 Jahre verlängern kann.

Ich denke, ein Umdenken hilft uns. Mein Ansatz ist gesund zu bleiben. Gerade im Stressmanagement denken wir allzu oft, leistungsfähig zu bleiben. Ich drehe die Sichtweise um. Ich möchte glücklich leben, um auch leistungsfähig zu sein. Denn Erfolg im Job ist ebenfalls ein Symptom des Glücks.

6. Hast du ein Lebensmotto zum Thema Glück für dich?

Mich berühren die Gedanken von Dalai Lama: ‚Ich denke, dass der Sinn des Lebens darin besteht, glücklich zu sein.‘