5½ Fragen an Dr. Frank Edler

Dr. Frank Edler ist mit seinem Unternehmen elbon seit mehreren Jahren Mieter von Mein Arbeits(t)raum Untergiesing. Dass er so wilde Erfahrungen auf einer Moskau-Reise erlebt und in Südfrankreich das Paradies gefunden hat, wusste ich nicht. Wie er als Physiker zu seinem heutigen Job als Experte für Sicherheitssysteme gekommen ist, erzählt er in den folgenden 5½ Fragen. Viel Spaß beim Lesen!

1. Wie lange gibt es Dein Unternehmen?

Seit ich mich im Oktober 2010 selbständig gemacht habe.

2. Wie bist Du zu Deiner jetzigen Tätigkeiten gekommen? Entspricht sie Deiner ursprünglichen Ausbildung?

Ich bin Physiker und habe in Kristallographie an der ETH Zürich promoviert. Also gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen Ausbildung und meinem heutigen Beruf.

Denn heute arbeite ich als Experte für Sicherheit von Elektroniksystemen. Allerdings verlangt ein Physikstudium ein sehr systematisches und logisches Denken. Deshalb arbeiten später viele Physiker in anderen Gebieten – so wie ich…

Um zu erklären, wie alles kam, muss ich weiter ausholen: Nach der Promotion habe ich eine mehrmonatige Fortbildung in Qualitäts- und Projektmanagement gemacht. Direkt danach bekam ich eine Anfrage einer Firma, die an einem französischen Standort den Nachfolger für die Leitung der Qualitätssicherung mit einem Deutschen besetzen wollte. So konnte ich meinen Traum verwirklichen, einmal in Südfrankreich zu leben, am Fuß der westlichen Pyrenäen – ein Paradies! Ich arbeitete als Qualitäts- und Entwicklungsingenieur und konnte meine Kenntnisse in Materialkunde noch gut gebrauchen, neben denen, die ich in der Fortbildung erworben hatte…

Nach drei Jahren wurde jedoch aus dem geplanten Karriereschritt nichts, weshalb ich mich wieder auf Jobsuche begab. Da erhielt ich eine Anfrage von einer Firma am Bodensee. Die suchte Verstärkung für die Durchführung von Sicherheits- und Zuverlässigkeitsanalysen für Automobilentwicklung und Luft- und Raumfahrt. Als ich die Aufgabenbeschreibung las dachte ich: vorbeugende Fehleranalysen als Hauptberuf, das gibt es? Ich habe mich beworben, vorgestellt und wurde genommen. Seit 2001 bin ich nun in diesem Tätigkeitsfeld.

Interessant ist, dass meine naturwissenschaftlichen und mathematischen Kenntnisse hier gut zu gebrauchen sind.

3. Würdest Du die gleiche Ausbildung noch einmal machen, wenn Du nochmal vor der Wahl stündest?

Ich schwankte damals zwischen Werkstofftechnik und Physik, die Entscheidung fiel durch die Unterhaltung mit zwei mitreißenden Physikprofessuren.

Ich habe in den 1990er Jahren studiert und hatte ein schönes Studentenleben. Physikstudenten hatten nämlich viel weniger Klausuren zu schreiben als die angehenden Ingenieure. Wenn man nicht in alle Vorlesungen ging, konnte man es eben auch aus Büchern lernen.

Was die Vergangenheit angeht, stehe ich zu meiner damaligen Wahl. Wenn ich allerdings heute entscheiden müsste, würde ich mich erst informieren, wie die Studienbedingungen sind. Heute scheint das alles viel verschulter zu sein. Dass neben dem Prüfungswissen auch das Erlernen des bewussten und selbstmotivierten Handelns ein Ergebnis des Studiums sein kann, scheint heute nicht mehr so viel Gewicht zu erhalten…

4. Was inspiriert Dich im Job am meisten?

Die Antwort teilt sich in zwei Aspekte:

1. Da ist der Einsatz in meinen Kundenprojekten, wo ich ja nicht nur eine Firma von innen kenne, sondern viele. Wenn es um die Anwendung meines Fachgebiets geht, kann ich mittlerweile gut beurteilen, ob die sicherheitsgerichtete Entwicklung vorbildlich, im Mittelfeld oder unzureichend betrieben wird. So kann ich zielgerichtet beraten. Auch habe ich sehr viele Technologien und Anwendungen kennen gelernt. Da gehören komplexe Systeme zur Radarortung dazu, Hochleistungsbatterien für Elektroantriebe, und vieles, vieles mehr. Ich bin Spezialist für Methoden, die sich für unterschiedlichste Technologien eignen. So habe ich sehr viele spannende Dinge gelernt, praktisch als Nebeneffekt. Und ich habe auch tolle Menschen kennengelernt.

2. Mich selbständig zu machen hat meinen Horizont nochmals erweitert. Dinge, die mich in der Schule genervt haben, wie etwa Buchhaltung und Rechnungswesen, bekommen plötzlich einen neuen Stellenwert. Diese Sachen so weit zu verstehen, um sie korrekt am Laufen zu halten, habe ich als Herausforderung gesehen. Die Details kann man ja delegieren…
Aber die ganz große Chance steckt in der Entscheidungsfreiheit. Ich musste niemanden fragen, ob ich mal einen Teil meiner Zeit dafür verwende, um ein Fachbuch zu schreiben oder eine neue Expertentagung zur Fehlerbaumanalyse, meinem fachlichen Steckenpferd,  ins Leben zu rufen. So konnte ich beitragen, Lücken zu füllen. Solches Engagement zahlt sich nun für die Leser und Teilnehmer aus. Und ich habe zumindest mit der Konferenz sogar wirtschaftlichen Erfolg. Ein spezialisiertes Buch sollte man dagegen nicht wegen des Honorars schreiben – es ist ein bisschen wenig…

5. Was war das Außergewöhnlichste, was Du bisher getan hast?

Es ist eine kleine Kette von außergewöhnlichen Geschehnissen. Die Vorgeschichte: ich hatte bei einem Forschungsaufenthalt für meine Diplomarbeit in Hamburg einen russischen Physiker kennengelernt. Da wir uns in den langen Nächten an den Messgeräten so toll unterhalten hatten, hatte ich ihm versprochen, ihn nach meinen Diplomprüfungen in Moskau zu besuchen.

So habe ich mich tatsächlich in den Zug gesetzt, das war 1992, also nach dem Mauerfall. Die Insassen (alles keine Westdeutschen) fragten mich: „du bist doch Wessi, warum fliegst du nicht?“ So war der Anknüpfungspunkt für interessante Gespräche schon da. Nicht nur das hat die 42 Stunden Zugfahrt zum Erlebnis gemacht! Nach knapp zwei Wochen in dieser sehr interessanten Stadt habe ich wieder den Zug genommen. Ich lernte einen jungen Niederländer kennen und wir unterhielten uns prima. Er meinte, dass er noch einen Tag Warschau besichtigen wolle und ob ich dabei sei. Ich überlegte kurz und machte dann mit. Beim Stadtbummel lernten wir eine nette Belgierin kennen, die uns zu einer abendlichen Studentenfeier einlud. Wir gingen hin und trafen auf eine Gruppe, die an einem mehrmonatigen Polnischkurs teilnahmen. Sie kamen aus allen Ländern Europas, darunter die nette Belgierin, die spanische Wurzeln hat. Es war eine tolle Runde und eine nette Feier.

In der folgenden Nacht konnte ich nicht schlafen. Mich quälte der Gedanke „jetzt hast du Schule und Studium ohne Verzögerung durchgezogen, aber die Chance dabei mal wie die ins Ausland zu gehen, hast du verpasst – und den Vorsatz für einen Französischkurs hast du auch nicht umgesetzt“. Am nächsten Tag fragte ich Marie, die Belgierin, zu ihrer Heimat Brüssel aus. Schließlich spricht man in Brüssel auch Französisch. Sie berichtete mir von günstigen Kursen von hoher Qualität. Ich dachte die lange Rückfahrt von Warschau über nichts anderes nach…

Zwei Wochen später saß ich wieder im Zug – diesmal nach Brüssel. Innerhalb von einem guten Tag habe ich die Eingangsprüfung für den Kurs bestanden, eine Wohnung für den Folgemonat angemietet und die Formalitäten geklärt (es gab damals noch Visapflicht in Europa!).

Als meine Eltern von ihrem Sommerurlaub zurückkehrten sind sie angesichts der vollendeten Tatsachen aus allen Wolken gefallen. Für mich folgte allerdings das schwerste Jahr meines Lebens, denn den Kurs finanzierte ich mit einem Job als Nachtportier in einem Hotel.

Doch dass damit die Grundlagen für die Umsetzung eines Traums – ein Lebensabschnitt in Frankreich (s.o.) gelegt waren, konnte ich ja noch nicht ahnen…

5½. Eine halbe Frage zum Abschluss: Dein Tipp für die Mittagspause?

Eine ordentliche Mahlzeit sollte immer drin sein – es muss ja nicht viel sein…